Sandschieben für den Klimaschutz

Sandschieben für den Klimaschutz
Das Sandschieben dient der Wissenschaft: Das Fahrzeug soll künftig mit Brennstoffzellen betrieben Schnee beseitigen können. © Fischereihafen-Betriebsgesellschaft (FBG)

Sandschieben für den Klimaschutz

Im traditionsreichen Bremerhavener Fischereihafen hat die Energie-Zukunft begonnen: Vom Testfeld für die nachhaltige Produktion von Wasserstoff aus Windenergie bis zum Wasserstoff beheizten Backofen reichen die Projekte des Forschungsvorhabens „Wasserstoff – Grünes Gas für Bremerhaven“.

Als Management-Gesellschaft eines der größten Gewerbegebiete im Land Bremen lässt die FBG Bremerhaven mit einem Unimog das erste Fahrzeug dieser Art in Deutschland auf Brennstoffzellen-Betrieb umrüsten.

Mit Schwung steuert der orangefarbene Unimog auf einen Sandhügel zu. Kurz bevor er den Haufen erreicht, senkt der Fahrer das Räumschild am Bug des vier Tonnen schweren Fahrzeuges ab. Staub wirbelt auf, als das Fahrzeug den Sand mit der Kraft seines 150-PS-Vierzylinder-Dieselmotors zur Seite schiebt. Künftig soll der Unimog solche Arbeiten mit einem sauberen Antrieb erledigen. Der Sand-Versuch gehört zu den vorbereitenden Arbeiten. „Normalerweise räumen wir mit diesem Wagen Schnee von den Straßen im Fischereihafen“, sagt Olaf Schröder, Leiter des Technischen Betriebes der Fischereihafen-Betriebsgesellschaft (FBG) in Bremerhaven. Doch die weißen Flocken fallen um diese Jahreszeit noch nicht: „Deswegen behelfen wir uns mit Sand.“ Das Sandschieben dient der Wissenschaft: Fachleute der Firma eCap Mobility wollen die Leistungsanforderungen an das vier Tonnen schwere Mehrzweckfahrzeug im Detail erfassen. In einem vom Land Bremen und der EU geförderten Forschungsvorhaben sollen die Spezialisten für alternative Lkw-Antriebe das Fahrzeug auf einen sauberen Betrieb mit Wasserstoff und Brennstoffzelle umrüsten.

Von der Wasserstoff-Produktion bis zur konkreten Anwendung

Und Bremerhaven gibt Gas. Die Stadt hat schon beim Aufbau der Offshore-Nutzung von Windenergie eine führende Rolle beim Thema Erneuerbare Energien eingenommen. Jetzt soll das von der EU und dem Land Bremen geförderte Forschungsvorhaben „Wasserstoff – Grünes Gas für Bremerhaven“ die Produktion von Wasserstoff mit Hilfe von Windenergie und seine Anwendung vorantreiben. Für das Forschungsvorhaben arbeiten die Hochschule in der Stadt, das Technologie-Transferzentrum ttz Bremerhaven, das auf Windkraft und ihre Nutzung spezialisierte Forschungsinstitut Fraunhofer IWES sowie die kommunale Wirtschaftsförderung BIS Bremerhaven eng zusammen. Eine zentrale Rolle nimmt dabei der Fischereihafen ein. Dort wird künftig nicht nur Wasserstoff in einem Elektrolyseur-Testfeld mit anfangs zwei und sukzessive 10 Megawatt Kapazität erzeugt – dort soll der klimaneutrale Energieträger auch in konkreten Anwendungen genutzt werden wie zum Beispiel in Form eines mit Wasserstoff beheizten Backofens oder als Energieträger in der Mobilität und Logistik. Im praxisnahen Bereich ist die FBG mit von der Partie. „Wir stellen unseren Unimog U20 als Prototypen für Wasserstoff-Antriebe in Nutzfahrzeugen zur Verfügung“, erläutert Schröder. Das Spezialfahrzeug ist für Transporte innerhalb des Fischereihafens sowie für besondere Aufgaben wie dem Winterdienst im Einsatz.

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Umrüstung von Nutzfahrzeugen für den Klimaschutz besonders wichtig

Nutzfahrzeuge vom klassischen Dieselmotor auf klimaneutrale Antriebssysteme umzurüsten, gehört zu den besonders wirkungsvollen Maßnahmen für den Klimaschutz. Lastwagen und Spezialfahrzeuge wie der Unimog verursachen nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums etwa ein Drittel der klimaschädlichen Emissionen im gesamten Verkehrssektor. Am ttz Bremerhaven leitet Günther Schumacher die Teilstudie „Mobilität und Logistik“ des Wasserstoff-Forschungsvorhabens. „Wir hätten natürlich gerne einen bereits entsprechend ausgestatteten Lkw genutzt, um den Einsatz von Wasserstoff in Transport und Logistik erforschen zu können“, sagt er. Doch bei den namhaften europäischen Fahrzeugherstellern wurde Schumacher nicht fündig: „Wenn es überhaupt solche Fahrzeuge gibt, befinden sie sich noch im Versuchsstadium.“

Spezialisten wollen Dieselmotor durch Brennstoffzelle ersetzen

Der FBG-Unimog erwies sich als mögliche Lösung des Problems. Per Ausschreibung suchten die Projektpartner eine Fachfirma, die sich die Umrüstung des rollenden Kraftpaketes zutraut. Bei eCap Mobility in Winsen (Luhe) wurden die Bremerhavener fündig. Das Unternehmen hatte kurz zuvor Schlagzeilen gemacht, weil es Sattelzugmaschinen vom Dieselmotor auf Elektroantrieb umrüstet – die elektrische Energie beziehen die Fahrzeuge aus Brennstoffzellen. Im Sommer hatte die Firma ihre ersten Fahrzeuge in einer spektakulären Show präsentiert, vor wenigen Wochen erhielten die Spezialisten einen Großauftrag über 5000 Fahrzeuge. „Im ersten Projektschritt wollen wir nun feststellen, ob der Unimog ebenfalls umgerüstet werden kann“, erläutert Schumacher.

Test im Sandhaufen liefert Basisdaten für geplante Umrüstung

Wie bei den Sattelschleppern will eCap Mobility bei dem Unimog den Dieselmotor mitsamt Getriebe entfernen und durch eine Kombination aus Brennstoffzelle und Elektroantrieb ersetzen. „Dafür müssen aber einige Voraussetzungen erfüllt werden“, betont Schumacher. Es muss nicht nur genügend Platz sowohl für die Brennstoffzelle als auch die Wasserstofftanks vorhanden sein; es müssen auch die unterschiedlichen Aufbauteile wie Schneeschild oder Kippcontainer funktionieren: „Der Unimog muss natürlich anschließend weiterhin unseren sehr speziellen Anforderungen genügen“, betont Olaf Schröder. Zu den Herausforderungen zählt unter anderem der Einsatz im Schneeräumdienst: „Um das Räumgerät zu bewegen, ist ein spezielles hydraulisches System erforderlich.“ Bei dem Test am Sandhaufen wurden die exakten Leistungsdaten gemessen, die das Fahrzeug auch im sauberen Wasserstoffantrieb erfüllen muss.

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Die vorbereitende Studie zu den Möglichkeiten des Umbaus ist derzeit in Arbeit. Während das Gesamtvorhaben von der BIS Bremerhaven koordiniert aus Mitteln des Landes Bremen und der EU finanziert wird, hat das Land zusätzlich rund 40.000 Euro für die Studie bereitgestellt. Das Geld ist gut angelegt. Wenn der Umbau des Unimog gelingt, hätte das bundesweite Bedeutung: „Bisher ist eine solche Umrüstung nur an größeren Lkw vorgenommen worden“, betont Schumacher: „Kleinere Fahrzeuge wie unser Unimog sind aber in ganz vielen Städten, in Unternehmen und in öffentlichen Betrieben im Einsatz.“

Pressemeldung von  BIS Bremerhaven