„Ist das echt?“ dpa-Factchecking auf WhatsApp

„Ist das echt?“ dpa-Factchecking auf WhatsApp
dpa WhatsApp-Faktencheck: Antwort an einen Nutzer. Foto: Laura Ludwig

„Ist das echt?“ dpa-Factchecking auf WhatsApp

Was Menschen in Kriegszeiten dem dpa WhatsApp-Faktencheck schicken. Und was wir ihnen antworten.

Die Berichte über das Grauen in der ukrainischen Kleinstadt Butscha entsetzen gerade die Öffentlichkeit. Und doch folgen selbst hier fast unmittelbar die Posts auf den Social Media-Plattformen, die behaupten: Alles inszeniert. Was die Menschen in den vergangenen Wochen beschäftigt hat, ließ sich immer wieder unmittelbar ablesen an dem, was beim WhatsApp-Faktencheck der dpa einging.

Etwa ein Video auf Tiktok, es zeigt einen Soldaten, der Getränke an Kinder verteilt. Eingeblendet werden russische Fahnen und Sätze wie „Das ist Menschlichkeit“. Eine WhatsApp-Nutzerin ist sich offenbar unsicher, was sie davon halten soll – und leitet den Link deshalb an den dpa Faktencheck weiter. Ein anderer schickte gleich mehrere wackelige Handyvideos. Eines zeigt einen Panzer, der vor Hochhäusern ein Auto überrollt, dann von dem Wrack zurücksetzt und wegfährt; eine Frau schreit im Hintergrund.

Fast gänzlich verschwunden sind seit Kriegsbeginn die Artikel zu angeblichen Impfnebenwirkungen, die aufgezeichneten Monologe, in denen an der Corona-Pandemie gezweifelt wird. Stattdessen schicken die Menschen uns nun Texte, die Zweifel säen an dem was wir wissen, und Kommentare zur jüngsten Geschichte, meist Russlands Position begründend. Sie zeigen uns Videos, die Szenen aus den Kriegsgebieten in der Ukraine zeigen sollen oder Fotos von zerstörten Städten.

Manchmal offenbaren uns begleitende Fragen die Fassungslosigkeit der Menschen. „Ist das echt?“, diese schlichte Frage steht über dem Video mit dem Panzer. Die Antwort: Ja, das Video ist echt, in einem Vorort von Kiew hat ein Panzer ein ziviles Auto überrollt. Ob Russen oder Ukrainer den Panzer gesteuert haben, wie es zu der Szene kam, all das bleibt aber unklar. Auch das gehört zur Faktencheck-Arbeit: Zu sagen, was wir nicht wissen. Die gute Nachricht, immerhin: In weiteren Videos ist zu sehen, wie ein Mann lebend aus dem Auto geborgen wird. Manchmal kommen die Nachrichten auch ohne Frage oder Kommentar bei uns an, wie der Tiktok-Link. Das Video mit dem Soldaten stammt vermutlich von der weißrussisch-polnischen Grenze, es zeigt wohl eine Begegnung zwischen einem Soldaten und Geflüchteten. Definitiv ist es Monate vor Beginn der aktuellen Kampfhandlungen aufgenommen worden. Mit Wohltaten russischer Soldaten gegenüber ukrainischen Familien im aktuellen Konflikt hat es nichts zu tun.

„Blinder Fleck“: Welche Inhalte werden auf WhatsApp geteilt?

Dass es einmal in so vielen Einsendungen um Krieg, Zerstörung und Propaganda gehen würde, war noch nicht absehbar, als der dpa WhatsApp-Faktencheck Ende vergangenen Jahres seine Nummer für Nutzerinnen und Nutzer freischaltete. Doch damals wie heute ist das Ziel, bei der Aufklärung von Des- und Misinformation einen Blick auf einen eigentlich „blinden Fleck“ zu werfen: Den weltweit und auch in Deutschland meistgenutzten Messenger-Dienst. Im „Statista Global Consumer Survey“ gaben 87 Prozent der Befragten in Deutschland an, WhatsApp regelmäßig zu nutzen. Demnach kommt der Dienst auf mehr Nutzerinnen und Nutzer als alle Alternativen wie Telegram, Threema oder der Facebook Messenger zusammengenommen.

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Über WhatsApp werden nicht nur Verabredungen geplant und das Familienleben organisiert. Gerade in den Gruppen von Schulklassen, Sportvereinen oder Freundeskreisen werden neben witzigen Memes und Videos auch Nachrichten und Informationen ausgetauscht. Dem aktuellen „Reuters Digital News Report“ zufolge ist 2021 der Anteil der Menschen, die WhatsApp als Quelle von Nachrichten nutzen, erneut angestiegen, auf 17 Prozent. Zugleich fürchten dem Report zufolge die Menschen bei keiner Nachrichtenquelle – Facebook ausgenommen – so sehr, Opfer von Falschinformationen zu werden, wie bei Messenger-Diensten. Weil die Kommunikation bei WhatsApp aber Ende-zu-Ende-verschlüsselt ist, weiß nach eigenem Bekunden nicht einmal der Betreiberkonzern Meta, was dort an Links, Videos oder Fotos ausgetauscht wird. Während die Faktencheckredaktion der dpa in anderen Bereichen, etwa auf Facebook oder Twitter, selbst auf die Suche nach Fehlinformationen gehen kann, gibt es bei WhatsApp nur eine Möglichkeit, herauszufinden, was die Menschen dort beschäftigt und ihnen dazu fundierte Recherchen zu bieten: Die Nutzerinnen und Nutzer selbst müssen sich an die dpa wenden. Diese Möglichkeit bietet der WhatsApp-Faktencheck. Über eine normale Telefonnummer können wie an jeden anderen Account Nachrichten geschickt werden. In einem Bot-geführten, größtenteils automatisierten Dialog können Menschen dann Inhalte einsenden, die geprüft werden sollen.

Fotos, Videos, Memes und Texte – nicht alles lässt sich checken

Erfasst werden dabei nur die allernötigsten Daten, deshalb gibt es nur eine ungefähre Vorstellung davon, wer so mit uns Kontakt aufnimmt. Aber mitunter liefern die Nachrichten selbst Einblicke: Etwa bei dem älteren Ehepaar, das uns mehrfach schreibt. Ihr Sohn, so die beiden, sei „irgendwie etwas abgerutscht“. Er schicke ihnen immer wieder Nachrichten zu Corona-Themen – größtenteils Falschinformationen, wie die Faktenchecks zeigen. Oder der Lehrer, der mit seiner Klasse über den Krieg in der Ukraine redet und uns bittet, für seine Schüler die folgende Behauptung zu prüfen: „In einem Online-Artikel unter Berufung des russischen Verteidigungsministerium war die Rede von 9861 russischen Soldaten, die seit Beginn des Kriegs gestorben sind.“ Unsere Antwort: Es gab eine entsprechende Meldung in einer russischen Zeitung, die allerdings kurz darauf zurückgezogen wurde.

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Desinformation/Misinformation

Desinformation: Informationen, die vorsätzlich in Umlauf gebracht werden, um einer Person, einem Land, einer gesellschaftlichen Gruppe oder einer Organisation Schaden zuzufügen oder die öffentliche Meinung zu beeinflussen

Misinformation: Informationen, die falsch sind, aber nicht bewusst in Umlauf gebracht wurden, um Schaden zu verursachen.

Eine Untersuchung von Harvard-Wissenschaftlern hatte bereits 2017 ergeben, dass Des- und Misinformation sehr häufig in Form von visuellen Elementen verbreitet wird, die vom menschlichen Gehirn deutlich schneller verarbeitet werden als Informationen in Textform. Das deckt sich mit den Erfahrungen beim WhatsApp-Faktencheck. Meist geht es um Fotos, Memes oder Videos sowie Links, die zu solchen Inhalten führen. Mitunter kommen aber auch Screenshots von Artikeln oder Texte bei uns an. Gerne eingeschickt werden seit Russlands Einmarsch in der Ukraine etwa längere Texte, die aus einer bestimmten Perspektive die jüngere Geschichte kommentieren: Die NATO habe sich entgegen ihrer Versprechen immer weiter nach Osten ausgebreitet, die USA mit ihren Militärinterventionen unzählige Opfer verursacht, das Urteil über Russland sei heuchlerisch und von Doppelmoral geprägt. Auch hier wünschen sich die Einsender Orientierung – kann man das wirklich so sehen? Eine berechtigte Frage – aber kein Fall für einen Faktencheck.

Denn das sind immer die ersten Schritte: Sehen wir Tatsachenbehauptungen, die sich prüfen lassen? Oder ist es eher eine Meinungsäußerung? Das oben genannte Beispiel etwa stellt sich aus Faktenchecksicht so dar: Welche Absprachen es zwischen NATO und der Sowjetunion in Bezug auf die Osterweiterung gab, ist noch nicht abschließend geklärt. Jedes Jahr erscheinen Artikel und Forschungsarbeiten dazu. Das meiste in dem Text deckt sich mit historischen Ereignissen, die Beurteilung aber ist eine Meinungsäußerung. Für Faktenchecker gibt es dann keinen Ansatzpunkt.

Ergebnisse der Recherche: Was wir sagen können – und was nicht

In anderen Fällen erreichen uns klare Falschbehauptungen, die sich widerlegen lassen. Manches davon ist einfach zu recherchieren, aber schwer zu ertragen. Etwa die Behauptung, man habe noch gar keine Toten im Ukraine-Krieg gesehen. Belege dagegen gibt es Unzählige. Wir schicken einige Sätze und ein Nachrichtenvideo, in dem stark unkenntlich gemachte Leichen auf den Straßen von Tschernihiw gezeigt werden. Oder das Video mit dem Panzer. Wir können auf eine vorhandene Recherche zurückgreifen, Kollegen hatten es bereits aufwändig verifiziert und durch einen Abgleich mit anderen Bildern den Ort bestimmt.

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Anderes ist aufwändiger, wie die Recherche zu dem Video mit dem Getränke verteilenden Soldaten. Durch Bilder-Rückwärtssuchen von Screenshots lässt es sich über mehrere Videoplattformen verfolgen. Irgendwann stellt sich Anhand eines Upload-Datums heraus, dass es definitiv älter ist als der aktuelle Konflikt. Wir ziehen einen Kollegen hinzu, der Russisch spricht: Der Dialog zeigt, dass es wohl keine Interaktion zwischen einem russischen Soldaten und einem ukrainischen Kind ist. Wir gleichen die Landschaft mit derjenigen in der Berichterstattung über die Flüchtlinge ab, die Ende vergangenen Jahres zwischen Polen und Belarus im Niemandsland festsaßen. Die Bäume, der Boden – sie ähneln sich stark, aber weiter kommen wir nicht. So schreiben wir es der Nutzerin.

Bereits während der Corona-Pandemie hat sich gezeigt: Viele Menschen wünschen sich, dass ihnen jemand die Dinge einordnet, die ihnen auf ihren Handys und Computern geschickt, gezeigt oder weitergeleitet werden. Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass dieses Bedürfnis nicht mit dem Ende der Pandemie verschwinden wird. 37 Prozent der Erwachsenen in Deutschland haben laut „Reuters Digital News Report“ Bedenken, Falschmeldungen nicht mehr von Fakten unterscheiden zu können, weitere 41 Prozent sind zumindest unentschieden, ob sie sich das zutrauen. Der dpa WhatsApp-Faktencheck soll diesen Menschen eine Möglichkeit geben, sich Hilfe zu holen, wenn sie sich mal wieder fragen: Stimmt das wirklich?

Kontakt zum dpa WhatsApp-Faktencheck :

Speichern Sie sich die Nummer 0160 3476409 in Ihrem Handy oder klicken Sie auf den Link wa.me/491603476409, wenn Sie WhatsApp am Computer benutzen. Dann können Sie uns Nachrichten schreiben.

Quelle Pressemeldung von  DPA